Texte zu Anlässen
Heute, am 30. Juni 2005
Heute, am 30. Juni
gegen halb sieben
am Schreibpult
am offenen Fenster
und es regnet
mit Bleistift diesen
Text in ein Sketchbook
der Größe A6
wundervolles Zeichenpapier
diese Attitüde des
auratischen Künstlers
und meine Chakren
blähen sich wie Nüstern
es scheint der Regen
ist für sie gut
Seit Tagen
seit letzten Freitag
weiß ich
dass ich diesen Text
schreiben will
heißt EINEN Text
für diesen Zweck
ihn in die Wände
des Volkstheaters
hineinzulesen
und denke den Text seither
Aber er schreibt sich nicht
Er durchzieht den Kopf
Wort für Wort
auch den Zeilenfall seh ich
auf dem Papier
und rinnt heraus
die Hymne rinnt heraus
und der Totengesang
wie Tränen
wie ein Schwall von
selbstergriffenen Tränen
Nur so kann ich
scheints
weinen um die Toten
trocken und davon berichten
ansonsten
seit letzten Freitag
völlig fassungslos
weil im Waldviertel
an diesem Tag
am Vormittag
der Jusits
tot umgefallen
von dem es
noch kurz vorher hieß
es gehe ihm gut
Jetzt gehts ihm gut
sag ich
jetzt tut ihm
sag ich
nichts mehr weh
und tröste mich damit
als wäre ein Trost
Und ich sage
nicht nur in die Wände
red ich diesen Text
sondern auch
für die Toten
die fliegen
als Geister
denn keinen Himmel
gibts für Schauspieler
und Schauspielerinnen
auch für die
katholischen nicht
nur die Bühne
nur das Theater
das ist ihre Hölle
und was anderes
brauchen sie nicht
Wir fertigen Text
Gebrauchstext
für diese Hölle
für diesen
elysischen Acker
und schreiben
Strukturen hinein
in den leeren Raum
zwischen den Brettern
(die nichts bedeuten
als das was sie sind
die nichts als
Theater bedeuten)
und dem Schnürboden
zwischen der Rückwand
und der vierten vorn
an der Rampe
vor der das Publikum sitzt
wenn es kommt
Und wir
begierig darauf zu erfahren
wie das ist
unten zu sein und
gleichzeitig oben
drinnen zu sein
und gleichzeitig draußen
Kunstwerk und Künstler
gleichzeitig
davon getrennt
Strukturen
nicht gegen das Chaos
nur gegen andere Strukturen
oder gar nicht gegen
sondern in andere
Strukturen hinein
Kleinstrukturen in
Großstrukturen
während das Chaos grinst
über die Attitüde
des Subversiven
mit der wir uns schmücken
wenn wir uns nicht gerade
für Avantgardisten halten
also für ganz besonders
und unvergleichlich subversiv
Aber schieben
der Wirklichkeit
eine andere
Wirklichkeit
immerhin
dem Schlingern
ein anderes Schlingern
in den Arsch
mitunter
Und das ist dann in der Welt
noch wenn wirkungslos
noch im Verschwinden
(denn Theater verschwindet
mit jeder Aufführung und
mit der Aufführung
naturgemäß auch unser Text)
aber ist in der Welt
eingeschrieben ins
Gedächtnis der Wirklichkeit
oder was weiß ich
wie man das nennen soll
sag ich
wie der Jusits
für immer
sag ich
auch wenn ich
nicht weiß
was heißen soll
für immer
Mein letztes Für-Immer
hat gedauert
zwei Monate lang
und dann noch fünf
Ach Liebesgeschichten
die dauern nicht lang
aber dauern für immer
Und die
Selbstergriffenheits-Chakren
blähen sich wieder
und träumen
Liebesgeschichten also
hineinreden in die Wände
hineinreden in den Flug
der Geister die
über die Bühne fetzen
und übers Parkett
durchs Foyer und rasten
am Schnürboden
und lachen
wenn gelingt
was gelingt
und grämen sich
wenn nur Blendwerk
wenn nur Event
oder gar wenn
das Schlimmste
wenns langweilig ist
und achten darauf
dass das Geflecht
nicht brüchig wird
Und manche
sag ich
gesellen sich
zu den Göttern
zu den Theatergöttern
das weiß ich
der Jusits
das weiß ich
Da scheiß ich doch
wenn ich das weiß also
durchaus auf
die Globalisierung
und sowieso
auf den Kapitalismus
auch wenn mir alle
erzählen
dass es
ein Leben auch gibt
draußen
außerhalb
Ja ja ich weiß ja
der Eurozentrismus ist übel
der Theaterzentrismus
der Volkstheaterzentrismus
und überhaupt der Zentrismus
und die Zentralisierung
und die Zensur
Wer braucht schon Theater
Na ich sag ich
ich und der Jusits
das sind zwei immerhin
und wir sehen uns um
und sehen und spüren
Geister und Körper
die reden und tanzen
und singen und
spielen
Heldenkörper
in der Hölle
und Opferkörper
und Mörderkörper
in der Hölle
auf der Bühne und
vor der Bühne
und durch und durch
und in die Wände
und durch die Türen
gegen die Fenster und
um die Säulen herum und
hinaus und hinein
und haben uns
eingeschrieben
im Verschwinden täglich
für immer sag ich
hab ich eh schon gesagt
wenn ich auch
noch immer
nicht weiß
was das sein soll
für immer
na wenn schon
Eine Hymne also
Es gibt nichts zu klagen
hier
wo die Schönheit ist
und das Entsetzen
das große Spiel
Hymnen in diese
Wände hinein
in die Körper und Geister hinein
Man soll ja
Götter sich machen und
nicht nur Fußballgötter
und Bilder sich machen
von diesen Göttern
Theatergötter und
zelebrieren das
Theater als Kunst die
Kunst als Theater
das Gebrauchstheater
die Kunst als Gebrauch
brauchbares Theater den
Bedarf Bedarfstheater
wir bedürfen
sag ich
des Theaters
und sag es
noch einmal
jetzt
in die Wände hinein
in die Körper
in die Geister
in die Götter hinein
ins Volkstheater hinein
in dieses besondere Haus
in dieses Geflecht hinein
in dieses Prinzip
in mich hinein und
aus mir wieder heraus
heute am 30. Juni
gegen Mitternacht oder
was weiß ich wann
jetzt
© Wolfgang Palka, Wien: 2005. Alle Rechte vorbehalten | E-Mail


